Mobile Jugendarbeit im Gemeinwesen
Die Wirksamkeit und das eigenständige Profil Mobiler Jugendarbeit steht und fällt mit einer konsequenten Umsetzung der Lebensweltorientierung. Zur Begründung dieser zentralen These des Praxisforschungsprojektes hier einige Ergebnisse und Anmerkungen.
Die Zukunftsträchtigkeit und das grosse Potenzial der Mobilen Jugendarbeit hängt im Kern mit einem erweiterten Politikverständnis zusammen, das sich erst auf der Grundlage des Paradigmas der Lebensweltorientierung in Verbindung mit der Gemeinwesen- bzw. Sozialraumorientierung als konzeptioneller Grunddimension realisieren lässt. Dieses erweiterte Politikverständnis konkretisiert sich in einer konsequenten Ausrichtung der Gemeinwesenarbeit an emanzipatorischen Leitgedanken wie Vitalisierung, Partizipation, Selbstorganisation und Ressourcenmobilisierung bezogen auf lokale und kleinräumige Strukturen. Gemeinwesenarbeit besteht demnach nicht nur aus Einmischungsstrategien und "stellvertretender Interessenvertretung" von AdressatInnen durch die Mobile Jugendarbeit auf der Ebene formaler kommunalpolitischer Entscheidungsprozesse. Der Schwerpunkt der gemeinwesenorientierten Arbeit der Mobilen Jugendarbeit liegt in der Wahrnehmung, Organisation und Sichtbarmachung lebensweltlicher Erfahrungen, Interessen und Kompetenzen insbesondere der AdressatInnen. Desweiteren beschränkt sich Mobile Jugendarbeit nicht auf den in der Sozialen Arbeit immer noch vorherrschenden Zugriff auf einzelne Individuen aus der Zielgruppe, sondern betrachtet ausdrücklich das Gemeinwesen als Arbeitsgegenstand und zu beeinflussende Sphäre. Vor dem Hintergrund eines so definierten Politikverständnisses Sozialer Arbeit ist Mobile Jugendarbeit in der derzeitigen Hilfelandschaft eine Ausnahmeerscheinung. Es handelt sich daher nicht um ein zusätzliches Konzept unter vielen, sondern um den Prototyp einer konsequent lebensweltorientierten Sozialen Arbeit.
Die Voraussetzungen für eine konsequente Lebensweltorientierung sind äusserst günstig. Ein Qualitätsstandard im Bereich der Strukturqualität ist der verhältnismäßig geringe organisationelle Formalisierungsgrad der Gesellschaften für Mobile Jugendarbeit. Dies wirkt sich äußerst positiv auf verschiedene Aspekte in der Arbeit mit den AdressatInnen aus:
- Die Wahrnehmung der AdressatInnen wird administrativ-organisationell nicht entscheidend vorstrukturiert. Die MitarbeiterInnen der Stadtteilteams Mobiler Jugendarbeit haben also prinzipiell die Möglichkeit sich mehr auf Umweltkomplexität und die Besonderheiten des Einzelnen bzw. der Gruppe einzulassen. Problemdefinitionen und Handlungsschritte sind auf dieser Basis tendenziell bedarfsgerechter und zudem stärker in der Eigenmotivation der AdressatInnen verankert.
- Der geringe Formalisierungsgrad ermöglicht jenseits von bürokratischen Standardisierungen und formellen Handlungsabläufen die Ausbildung von vertrauensvollen Beziehungen zu den AdressatInnen. Die Äusserungen der befragten Jugendlichen bestätigen, dass eine derartige Beziehungsqualität zwischen Jugendlichen und MitarbeiterInnen als Grundbedingung für eine effektive und effiziente Sozialintegration regelmäßig erreicht wird.
- Die im Stadtteil mit der Mobilen Jugendarbeit kooperierenden Personen, Gruppen und Organisationen bescheinigen den MitarbeiterInnen ein Höchstmaß an Flexibilität. Diese zur erfolgreichen Bearbeitung kurzfristig auftretender Konflikt- oder Krisensituationen oder aktueller Bedarfslagen notwendige Flexibilität kann die Mobile Jugendarbeit nur auf der Grundlage ihres niedrigen Formalisierungsgrades realisieren. Langwierige organisationelle Abstimmungs- und Entscheidungsprozesse fallen weg. Die MitarbeiterInnen können ihre Zeit eigenverantwortlich situations-, ziel- und aufgabenadäquat einsetzen und kurzfristig bündeln.
- Da die MitarbeiterInnen der Mobilen Jugendarbeit nicht auf systemische Steuerungsmedien wie Recht, Macht oder Geld zurückgreifen (können), sind sie ausschließlich auf das lebensweltliche Medium der Sprache in der Kommunikation mit den AdressatInnen angewiesen. Auf diese Weise gelingt nicht nur die Herstellung von vertrauensvollen und belastbaren Beziehungen zu Jugendlichen, es steigt auch die Wahrscheinlichkeit auf die Produktion von Sinn, Orientierung, Identität und sozialer Handlungsfähigkeit bei den AdressatInnen.
Diese strukturell günstigen Rahmenbedingungen eröffnen die Chance auf konsequent lebensweltorientiertes Arbeiten. Dabei entwickelt die Mobile Jugendarbeit ausgesprochene Stärken und erzielt bedeutsame sozialintegrative Effekte:
- Lebensweltorientierung realisiert sich zunächst durch einen bestimmten Modus des Verstehens, einer Grundkompetenz sozialpädagogischer Fachlichkeit. Die ExpertInneninterviews haben ergeben, dass die MitarbeiterInnen auf der Basis ihrer lebensweltlichen Alltagskontakte den subjektiven Sinn und die Eigenlogik des oft problematischen Bewältigungshandelns von Jugendlichen einfühlsam rekonstruieren.
- Lebensweltorientierung findet ihren Niederschlag des weiteren in sozialer Netzwerkarbeit im Stadtteil. Die Netzwerkanalyse macht sichtbar, dass die Teams regelmäßig über ein nach Reichweite, Dichte und Inhalt ziel- und aufgabenadäquates soziales Kontaktnetz verfügen.
- Lebensweltorientiertes Arbeiten will Einfluss auf das Gemeinwesen in materieller und interaktiver Hinsicht nehmen. Voraussetzung dafür ist die Wertschätzung im Sozialraum. Die Untersuchung hat gezeigt, dass Mobile Jugendarbeit verständigungsorientierte und vertrauensvolle Beziehungen zu den AdressatInnen aufbaut und als Expertin für Kinder- und Jugendthemen im Stadtteil einen prinzipiell guten Ruf hat. Auf der Basis solcher Bezüge hat sie zum einen einen vergleichsweise hohen Einfluss auf die einzelnen Sozialraumakteure. Zum anderen kann sie Begegnung und Zusammenarbeit dieser Akteure arrangieren und so die Kommunikation im Stadtteil im Sinne einer sozialen Integration der Zielgruppe gestalten. Sie erfüllt damit die Rolle einer intermediären Instanz im Gemeinwesen in herausragender Weise.
- Lebensweltorientierung zielt ab auf die Erhaltung und Mobilisierung von Ressourcen, verstanden als (Hilfs-) Mittel zur sozialen Integration der AdressatInnen. Im Zentrum steht dabei eine Strategie des Empowerment, die Menschen zur (Wieder-) Aneignung von Selbstgestaltungskräften befähigen soll. Neben der Vitalisierung von "internen" individuellen und kollektiven Stärken und Kompetenzen der AdressatInnen mobilisieren die Stadtteilteams in nicht unerheblichem Umfang "externe" sozialräumliche Ressourcen.
- Auf einer Linie mit dieser lebensweltlichen Ressourcenmobilisierung und im Sinne des Empowermentansatzes liegt die Partizipation, hier verstanden als Beteiligung aller im Gemeinwesen an der Aufgabe der sozialen Integration der Zielgruppe. Im Rahmen vielfältiger Kooperationsformen handelt die Mobile Jugendarbeit mit StadtteilbewohnerInnen, sozialen Dienstleistungsorganisationen, nichtsozialarbeiterischen Kontrollinstanzen, Kommunalpolitik, lokaler Ökonomie und mit der Presse bzw. den Medien. Hierbei modifiziert Mobile Jugendarbeit nachweislich die Programme bzw. das Handeln genannter Akteure.
Insbesondere der Partizipation der AdressatInnen am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben kommt im Rahmen lebensweltorientierten Arbeitens hohe Bedeutung zu. Als besonders effektiv haben sich kommunikative Arrangements erwiesen, die die Stärken und Kompetenzen der AdressatInnen im öffentlichen Raum sichtbar machen. Dieser Handlungsbereich sollte und kann noch weiter ausgebaut werden.
Lebensweltorientierung heisst auch, sich durch aufsuchende Arbeit an die Lebensorte und in die Sozialen Netzwerke der (potentiellen) AdressatInnen zu begeben. Insbesondere sind hier die sogenannten primären oder mikrosozialen Netzwerke in kleinräumigen sozial benachteiligten Quartieren gemeint, also das familiäre, verwandtschaftliche und nachbarschaftliche Umfeld der AdressatInnen der Mobilen Jugendarbeit. Die Netzwerkanalyse legt nahe, dass sich Mobile Jugendarbeit hier eher wenig durch aufsuchende Arbeit einmischt. Gerade im Hinblick auf die Stärkung informeller Selbstgestaltungskräfte bzw. der Mobilisierung gegenseitiger sozialer Unterstützungsformen könnten und sollten die Kontakte von Mobiler Jugendarbeit in diesem Bereich dichter geknüpft sein.
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